Strassen- und Bin­nen­schiffs­transport von Kern­brenn­stoffen

Feb 15, 2019 | Pro­jekte

Erster kom­bi­nierter Straßen- und Bin­nen­schiffs­transport von Kern­brenn­stoffen unter der neuen SEWD-Richt­linie Straße/Schiene

Um den Rückbau ihres 2005 abge­schal­teten Kern­kraft­werks Obrigheim (KWO) vor­an­zu­treiben, startete die Energie Baden-Würt­temberg AG (EnBW) – Betrei­berin und Eig­nerin der beiden Kern­kraft­werke in Obrigheim (seit 2008 im Rückbau) und Neckar­westheim (wei­terhin in Betrieb) – im Jahr 2013 mit der Unter­su­chung rea­li­sierbare Optionen für den Transfer von 342 Brenn­ele­menten aus dem KWO-Nass­lager in das nahe­ge­legene Stand­ort­zwi­schen­lager des Kern­kraft­werks Neckar­westheim (ca. 50 Kilo­meter Ent­fernung).

Gestützt durch mehrere Trans­port­studien und basierend auf ihrer umfang­reichen Erfahrung mit Kern­brenn­stoff­trans­porten hoch­sen­sibler Mate­rialien mit hoher Öffent­lich­keits­wirk­samkeit und starkem Medi­en­in­teresse, gelang der DAHER NUCLEAR TECH­NO­LOGIES GmbH (DNT) der Ver­trags­ab­schluss für die Durch­führung des Trans­ports der 342 abge­brannten Brenn­ele­mente in fünfzehn CASTOR® 440/84mvK Behältern der Gesell­schaft für Nuklear-Service mbH (GNS).

Nachdem der kom­bi­nierte Straßen- und Bin­nen­schiffs­transport der CASTOR® Behälter als die am besten geeignete Trans­port­va­riante iden­ti­fi­ziert war, begann DNT mit der Erstellung des Siche­rungs­kon­zepts, das Vor­aus­setzung für die erfolg­reiche Antrags­stellung und Erteilung der § 4 AtG Beför­de­rungs­ge­neh­migung war, ohne die in Deutschland kein Kern­brenn­stoff­transport durch­ge­führt werden darf.

Durch die gewählte Ver­kehrs­trä­ger­kom­bi­nation wurde das EnBW-Projekt das erste seiner Art – ein Pio­nier­projekt. Denn nie zuvor hatte auf deut­schen Bin­nen­ge­wässern ein siche­rungs­re­le­vanter Kern­brenn­stoff­transport statt­ge­funden.

Am 27. März 2014 reichte DNT offi­ziell seinen Antrag auf Erteilung einer Beför­de­rungs­ge­neh­migung für einen kom­bi­nierten Straßen- und Bin­nen­schiffs­transport für den Transfer von 15 bela­denen CASTOR® 440/84mvK Behältern vom Kern­kraftwerk Obrigheim in das Stand­ort­zwi­schen­lager des Kern­kraft­werks Neckar­westheim ein. Der Antrag beinhaltete den Einsatz von Schwer­last­fahr­zeugen, die im Roll-on/Roll-off Ver­fahren für den Be-& Ent­la­de­vorgang des spe­ziell modi­fi­zierten Schub­leichters LD40 ein­ge­setzt werden sollten.

Nach Durch­führung auf­wen­diger und hoch­kom­plexer Berech­nungen sowie dar­auf­folgend umfang­reicher und kom­plexer bau­licher und tech­ni­scher Modi­fi­ka­tionen des Trans­por­te­quip­ments gelang es DNT schließlich, die bean­tragte Beför­de­rungs­ge­neh­migung zu erhalten.

Am 16. Mai 2017 erteilte das Bun­desamt für kern­tech­nische Ent­sor­gungs­si­cherheit (BfE) die § 4 AtG Beför­de­rungs­ge­neh­migung und machte den Weg frei für den ersten siche­rungs­re­le­vanten Kern­brenn­stoff­transport auf deut­schen Bin­nen­ge­wässern.

Par­allel zum Geneh­mi­gungs­ver­fahren musste das benö­tigte Trans­por­te­quipment – u. a. die Schwer­last­fahr­zeuge (Sat­tel­zug­ma­schinen und Roller), die Schub­boote, der Schub­leichter sowie die Trans­port­rahmen – bereit­ge­stellt und den Anfor­de­rungen der neuen SEWD-Richt­linie Straße/Schiene ent­spre­chend umgebaut werden. Hierbei galt es außerdem, gefahr­gut­recht­liche Vor­gaben (z. B. ADN, ADR) ein­zu­halten. Der gesamte Umrüs­tungs­prozess unterlag der kon­ti­nu­ier­lichen Begleitung und Über­wa­chung durch die ver­ant­wort­lichen Behörden und unab­hän­giger Gut­achter. Trotz ihrer hohen Zeit­in­ten­sität und Kom­ple­xität konnten die Umrüs­tungs­ar­beiten recht­zeitig zum Trans­port­beginn fer­tig­ge­stellt werden.

Der Pla­nungs­prozess beinhaltete zahl­reiche Bespre­chungen mit Ver­tretern unter­schied­licher Behörden, Ver­wal­tungen, Gut­achter und Sub­un­ter­nehmen. Enormer Schu­lungs­aufwand musste betrieben werden, um mehr als 100 Trans­port­be­tei­ligte in Bezug auf Siche­rungs­maß­nahmen, Arbeits­si­cherheit, Strah­len­schutz und Arbeits­ab­läufe zu schulen. Hierzu gehörte nicht zuletzt die Schulung und Qua­li­fi­zierung des Siche­rungs­per­sonals, das gemäß den Bestim­mungen der neuen SEWD-Richt­linie Straße/Schiene geschult werden musste.

Im Juni 2017 war es schließlich soweit. Alle Vor­be­rei­tungen waren abge­schlossen, alle Anfor­de­rungen erfüllt und alle erfor­der­lichen Geneh­mi­gungen erteilt. Somit konnte der erste siche­rungs­re­le­vante Kern­brenn­stoff­tran­psort auf einem deut­schen Bin­nen­ge­wässer durch­ge­führt werden.

Nachdem der Schub­verband (Schubboot + Schub­leichter) an der Anle­ge­stelle des Kern­kraft­werks Obrigheim angelegt hatte, und die externe Außen­rampe als Ver­bindung zwi­schen Festland und Schub­leichter ord­nungs­gemäß am Schub­leichter LD40 befestigt war, verließ am 27.06.2017 der erste beladene CASTOR® 440/84mvK Behälter den gesi­cherten Bereich des KWO.

Der Schwer­last­roller mit dem darauf befes­tigtem Behälter wurde von einer spe­ziell für diesen Einsatz aus­ge­rüs­teten Schwer­last­zug­ma­schine geschoben und hatte zunächst eine kurze Weg­strecke von ca. 200 Metern zurück­zu­legen, bis er schließlich über die Rampe auf den Schub­leichter gerollt wurde.

Der Schwer­last­roller wurde an seine vor­ge­sehene Position innerhalb der sog. Ein­hausung des Schub­leichters (spe­ziell für diesen Transport ent­wi­ckelte und gefer­tigte Über­da­chung) gerollt und dort sicher mit der Lade­fläche ver­bunden.

Nach Abschluss der Ladungs­si­cherung verließ die Schwer­last­zug­ma­schine den Schub­leichter, um den nächsten Behälter abzu­holen.

Zwi­schen­zeitlich wurden nau­tische Checks und Maß­nahmen durch­ge­führt. Der Bela­de­vorgang wurde wie­derholt, bis alle drei CASTOR® Behälter sicher auf dem Schubboot ver­staut und befestigt waren.

Am 28.06.2017 verließ der Schub­verband schließlich seinen Lie­ge­platz im Hafen KWO (begleitet durch ein zweites Schubboot), um das Wen­de­ma­növer durch­zu­führen, das ihm die Reise ins 50 Kilo­meter ent­fernte Stand­ort­zwi­schen­lager in Neckar­westheim ermög­lichen würde.

Die Fahrt auf dem Neckar dauerte ca. 13 Stunden, in denen der Schub­verband mehrere Brücken und Schleusen pas­sieren musste. Der gesamte Transport wurde durch qua­li­fi­ziertes Siche­rungs­per­sonal eskor­tiert und zusätzlich von Poli­zei­kräften zu Land und auf dem Wasser begleitet. Auf­grund seines Pio­nier­cha­rakters und der Tat­sache, dass seit 2011 keine abge­brannten Brenn­ele­mente oder hoch­ra­dio­ak­tives Material mehr in Deutschland trans­por­tiert wurde, erregte der Transport bun­desweit Interesse bei Öffent­lichkeit und Medien.

Nach Ankunft des Schub­ver­bands an der Anle­ge­stelle des Kern­kraft­werks Neckar­westheim wurde der Schub­leichter an seinen Lie­ge­platz manö­vriert und an seiner Ent­la­de­po­sition vertäut.

Direkt im Anschluss an den Schicht­wechsel des Siche­rungs­per­sonals wurde die externe Außen­rampe per Kran am Schub­leichter befestigt und der Ent­la­de­prozess gestartet.
Zwei spe­ziell aus­ge­rüstete Schwer­last­zug­ma­schinen zogen den ersten von drei CASTOR® Behältern aus der Ein­hausung des Schub­leichters, nachdem die Ladungs­si­cherung des Schwer­last­rollers gelöst war.

Der Behälter wurde direkt ins Stand­ort­zwi­schen­lager gefahren, wo mit den Vor­be­rei­tungen für die Ein­la­gerung im Zwi­schen­lager begonnen wurde. Die Schwer­last­zug­ma­schinen kehrten zur Anle­ge­stelle zurück. Der Ent­la­de­prozess wurde wie­derholt bis alle drei CASTOR® Behälter sicher im Zwi­schen­lager ange­kommen waren.

Dieser erste Transport war ein voller Erfolg. Vier weitere, ebenso erfolg­reiche Siche­rungs­trans­porte folgten im Sep­tember, Oktober, November und Dezember 2017.
Am 19.12.2017 beendete die DAHER NUCLEAR TECH­NO­LOGIES GmbH, gemeinsam mit ihren Sub­un­ter­nehmern, ter­min­ge­recht und zur vollen Zufrie­denheit ihres Kunden, der EnBW, den Transfer des letzten CASTOR® Behälters ins Stand­ort­zwi­schen­lager, was den Schluss­punkt einer durchweg erfolg­reichen Trans­port­kam­pagne mar­kierte.